Erfahrungen & Bewertungen zu Timo Leukefeld

Autarkie für Milchmädchen

Das erste Haus kostet über eine Million. Das ist normal für ein neues Konzept. Dann treten die Praktiker auf den Plan: Ist das auch erschwinglich für Jedermann zu machen? Für das energieautarke Haus gilt nun: Das kann sich auch der normale Häuslebauer leisten.

Ein System gilt als autark, wenn es seinen gesamten Verbrauch aus eigenen Ressourcen befriedigt. Autark war Robinson Crusoe. Er besorgte mit Bordmitteln, was er benötigte aus dem, was es auf der Insel gab. Ist das energieautarke System ein Haus, so funktioniert es eigenständig und unabhängig von anderen, notfalls auch ohne öffentlichen Stromanschluss.

Heute genügt ein energieautarkes Haus einem zweifachen Anspruch: Es ist im Markt ein realistisches Angebot, und es entzerrt das Problem der Energieversorgung. Das geschieht systemisch auf zweierlei Weise: Zum einen benötigt das Haus aus dem Netz keinen Strom, also auch keine verbesserte Infrastruktur der E-Netze. Zum anderen produziert es Überschüsse planmäßig - und zwar in einer Weise, dass sie der Haushalt selber verbrauchen kann (nicht nur rechnerisch auf dem Papier). die Überschüsse werden tagsüber in dezentralen, mobilen Speichern aufbewahrt und verbraucht, und nachts wieder aufgefüllt. Diese Speicher nennt man Elektromobile, man fährt damit zur Arbeit und wieder heim, wo der gebunkerte Solarstrom nachts in den Akku des Elektroautos übertragen wird.

Was ist daran neu? Ähnliches versprechen doch längst die Plusenergiehäuser. Sie funktionieren aber nur im Durchschnitt, das reicht für eine Milchmädchenrechnung, nicht für die Praxis. Plusenergiehäuser produzieren im Sommer zu viel Strom; den Überschuss möchte der Besitzer gerade dann ins Netz loswerden, wenn das Gleiche alle Anderen tun, die ebenfalls Solarzellen auf dem Dach haben. Im Winter hingegen gibt es eine Unterversorgung, da muss man Strom kaufen - wiederum zur gleichen Zeit wie alle Anderen. Derartige Spitzen und Täler bei Angebot und Nachfrage schaffen Verdruss, früher oder später. Schon wird an den zugesagten Vergütungen gedreht. Solche Häuser werden zumeist mit Wärmepumpe beheizt, dafür benötigen sie Strom für den gleichfalls subventionierten Eigenverbrauch; auch an dieser Schraube wird bereits gefummelt°. Aus der Reihe Spiegel-TV gibt es gibt einen Filmbericht über das Berliner Energieeffizienzhaus. Es wurde mit der Behauptung hingestellt, Solarthermie sei für effizientes Energiemanagement wenig geeignet und könne daher komplett durch Photovoltaik ersetzt werden.

Dabei gibt es eine Nagelprobe: Zieht man beim Plusenergiehaus den Stecker, kappt man die Verbindung zum Netz. Eine unfaire Probe? Keineswegs: Wenn vom Netzbetreiber die Verbindung unterbrochen wird, bleibt in diesem Haus sogar mitten im Sommer der Kühlschrank aus, es gibt kein Licht, kein Fernsehen. Es kann seinen Überschuss nämlich nur ins Netz loswerden, und das kann ihn nicht immer gebrauchen. Die Versorger werden zunehmend (und hemdsärmelig) regulieren, wann sie woher und wie viel Strom beziehen oder wann und wie lange sie die Leitung schließen.

Durch Solarthermie zur Autarkie

Freiheit von der öffentlichen Versorgung, um es kurz zu machen, erreicht man nur über den gezielten Einsatz der Solarthermie, wie sie den Grundsätzen des Sonnenhausinstitutes entsprechen. Demzufolge deckt Solarthermie den Löwenanteil des Energiebedarfs eines Haushaltes (zwei Kollektoren am Dach leisten das nicht!). Nur was übrig bleibt, kann Aufgabe des Stroms sein. Strom ist nicht zum Heizen da, das kann die Sonne besser, außerdem lässt sich Wärme rationeller speichern als Strom. Deshalb hat das energieautarke Haus für Jedermann einen großen, aber nicht übertrieben großen Langzeitwärmespeicher und es hat speziell ausgefuchste Akkus zur Bedienung eines stromsparend aufgestellten Haushaltes sowie zum Aufladen des E-Mobils für den nächsten Tag. Was sich übrigens einfacher liest als es ist.

Sie glauben es nicht, Sie haben Grund zum Misstrauen? Unter dem lebhaften Interesse der Presse und des MDR wurde für zwei benachbarte energieautarke Häuser in Freiberg am 7. November der erste Spatenstich gefeiert. Damit jeder sieht, dass es mit rechten Dingen zugeht, stecken in jedem Haus 150 Sensoren, deren Messwerte von der TU Bergakademie Freiberg überwacht werden. Berichte finden Sie dann hier im Sonnenfleck. Rechnen Sie mit neuen Erkenntnissen zur Kühlung, zur Lüftung, zum Umgang mit Wasser, zur gesunden Innenraumluft und zur längeren Lagerhaltung von Lebensmitteln - was man früher über Speisekammern wusste, wird in modernen Gebäuden seinen Platz zurückerobern. Expertentum kann so richtig Freude machen.

In diesem Zusammenhang ist eine neue Vorlesungsreihe an der TU Bergakademie Freiberg erwähnenswert: Energieautarke Gebäude, vorgetragen von Professoren Ulrich Groß, Stephan Riedel und Timo Leukefeld: Dienstags 9:15 bis 10:45 im Hörsaal MEI-0080, G.-Zeuner-Str. 12 im Otto-Meisser-Bau. (ob)

° Ankündigung: Wir berichten demnächst über die sogenannte Temperatursensibilität

Kommentare

Timo Leukefeld
26. März 2014

Sehr geehrter Herr Krischker,

den Winter haben wir gut gemeistert und die erwarteten Werte haben wir weitestgehend erreicht. Aber der Winter war nicht repräsentativ, wir mußten die massiven Wände trocknen, der Solarwärmespeicher war zu spät angeschlossen worden, so dass wir mit einem kalten Speicher in die Heizperiode gegangen sind. Außerdem haben wir auf der Stromseite über Monate Optimierungen vorgenommen. Nun ist das Haus in allen energetischen bereichen gut eingestellt. Jetzt erwarten wir den nächsten Winter :o)

Herzlichst Timo Leukefeld

Thomas Krischker
24. März 2014

Sehr geehrter Herr Leukefeld,

gibt es schon erste Erfahrungen, welche Sie uns mitteilen können?
Ich plane derzeit selber ein Hausneubau für meine Familie und würde gern nachhaltig bauen.
Diesbezüglich bin ich schon mehr als gespannt auf ihre Erfahrungsberichte!!!
Mit freundlichen Grüßen
Thomas

Holger Nitschke
04. Dezember 2013

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Haus Herr Leukefeld. Prinzipiell freue ich mich über Leute die Ihre Visionen so umsetzen wie Sie. Thermisch mag das Konzept aufgehen, aber elektrisch habe ich erhebliche Zweifel an eine Autarkie. Vielleicht haben Sie es schon selbst erfahren müssen, aber Autarkie funktioniert nur mit einem vielfach größeren Generator oder mit einem Speicher der mindestens 500 kWh nutzbare Ernergie aus dem Sommerüberschuss mit in den Winter nimmt. Da ist E-Auto nicht mit einbezogen.
Ich habe selbst 10 m² Röhrenkollektoren, 2700 l Speicher, Photovoltaik 9,72 kWp und 15 kWh LiFePO Akku und habe nicht mit dem Glauben an 100%-iger Autarkie die Investition getätigt. Die Anlage läuft seit Mai 2013 und liegt zu Zeit bei 87 % Autarkie (Strom). Wird sich über den Winter noch verschlechtern, bin aber bisher sehr zufrieden mit dem Ergebnis.
Ich würde mich freuen, wenn Sie spätestens am Ende des Winters Ihre Erfahrungen hier veröffentlichen würden.
Mit sonnigen Grüßen
Holger

Herr Müller
22. November 2012

Da ein Leben von zwei für Ostverhältnisse gut bezahlten Ingenieuren mittleren Alters weder zur Abzahlung eines Enegetikhauses 100 noch ~80 reicht, haben wir uns vor 3 Jahren für ein schnödes Passivhaus entscheiden müssen. Wir haben gelernt: Passiv ist relativ. Aber mehr war nicht drin. Solche Artikel wie 'Autarkhäuser für Jedermann -> ab ca. 400k€' sind einfach ein Hohn. Was wir übrig haben, setzen wir gern ein, aber ich sehe nichts, was auch nur annähernd erschwinglich ist.

PS: Müller ist zugegeben nicht mein Name.

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