Von der Energiewende zur Industrie 4.0

Mit einem typischen Internetkürzel ist nun die vierte industrielle Revolution eingeläutet worden: Industrie 4.0 heißt unsere Zukunft, da wachsen die reale und die virtuelle Welt zu einem Internet der Dinge zusammen.

Drei Dinge werden die Produktion kennzeichnen: In einer hoch flexibilisierten Großserienpoduktion werden Produkte - noch mehr als bisher - individualisiert; Kunden und Geschäftspartner werden weitgehend integriert in die Wertschöpfungsprozesse; Produktion und hochwertige Dienstleitungen werden verkoppelt, daraus entstehen hybride Produkte. Das alles gibt es bereits ausnahmsweise; Industrie 4.0 soll indes die Ausnahme zur Regel machen. So weit die gesteckten Ziele.

Drei Überlegungen geben wir diesem Trend mit - wenn schon Revolution (= Umdrehung), dann gründlich! Da erinnern wir erstens an die Energiewende, die zur Zeit schlechte Schlagzeilen bekommt: Sie wird das Klimaziel der Bundesregierung verfehlen, sie wird teuer, und wer das ganze bezahlt, steht auch fest: die Endkunden sowie der Mittelstand. Wieso der Mittelstand? Weil er in aller Regel nicht zu den energieintensiven Betrieben zählt. Diese werden bei der EEG-Umlage und der Ökosteuer geschont, und was daraufhin in der Kasse fehlt, gleichen jene aus, die wenig Energie benötigen oder bereits Energie sparen. Da kann man tricksen, und manche tun es, aber die meisten Mittelständler sind zur Trickserei in dieser Sache nicht fähig oder nicht aufgelegt, sie haben mit wirklicher Wertschöpfung schon genug zu tun.

Auf diese Leistungsträger der Gesellschaft kommt weiteres Übel zu, denn keine Regierung wird den Geringverdienern Energiepreise zumuten, wie sie uns bereits im kommenden Jahr drohen (dreizehn Prozent mehr für den Strom als 2012). Und noch etwas: Für Verzögerungen beim Start der Windparks in der Nordsee - das steht auch schon fest - bezahlen wiederum alle, die sowieso schon bezahlen.

Das Groteske an dieser Denkweise fällt auf, aber darüber möchten wir hier nicht streiten. Wir betonen mal wieder die Frage: Bleibt es in diesem Rahmen bei zentralisierter Energieversorgung - der man dann hilflos ausgeliefert ist? Mit solchen Lösungen ist der Gesellschaft nicht mehr gedient. Vielleicht nicht die Politik, aber der einzelne Unternehmer interessiert sich dafür, wie er auf steigende Energiekosten sinnvoll reagieren kann, unabhängig vom Gesamtsystem, und notfalls mit Investitionen, deren Nutzen er sich mit benachbarten Betrieben teilt. Da beobachten wir einen Trend zur Selbstversorgung, dem sich auch fortschrittliche Stadtwerke widmen.

Bemerkenswert ist am Rande, dass derartige Erwägungen nicht auf die Industrie beschränkt sind. Sie reichen bis zu den Kanzleivillen in Dresden-Striesen, deren Beheizung selbst hartgesottene Gutverdiener grübel macht.

Die Industrie als Revolutionsgewinnler

Zweitens kann man einen Trend in der Umwelttechnik erkennen. Da entfernen wir uns von den Lösungen, die erst dann ansetzen, wenn das Problem geschaffen wurde und daher zu beseitigen ist. Der Trend geht zur vorbeugenden Ausfilterung. Für diese Denkweise gibt es im amerikanischen Englisch die bildhaften Begriffe end-of-pipe und front-of-pipe technology. Am Ende des Rohres hat Deutschland viel Erfindungsreichtum bewiesen; bessere Geschäfte verspricht indes die intelligente Lösung, das pfiffige Verfahren vor dem Rohr. Mit der hierzulande typischen Stärke im Maschinen- und Anlagenbau müssten wir hier nur unseren gewachsenen Vorsprung wahrnehmen und ausbauen.

Man kann diese Dinge drittens auch mit - ebenso typisch deutscher - Gründlichkeit ein paar Ebenen tiefer durchdenken. Da betrachten wir das Rad, als hätten wir es noch nie vor Augen gehabt: Lasst uns das Ding neu erfinden! Es wird dann alles mögliche können, was Räder bisher nicht konnten, weil sich die teuren Rohstoffe dafür nicht rechneten. Wenn wir jedoch dafür sorgen, dass uns der Kunde sein Rad zurückgeben möchte, bekommen wir das wertvolle Rohmaterial wieder, und er mietet von uns ein neues, besseres, modernes Rad. Mit anderen Worten, wir konstruieren das Rad, die Räder, die Autos neu (Konstruktion heißt im Englischen design). Anlass zu einem Neudesign unter dem Vorzeichen der verlustfreien Wiederverwertung sämtlicher Komponenten bietet - so gut wie jedes Produkt im Markt.

Das bedeutet: Wir machen nicht länger minderwertige Parkbänke aus hochwertigem Material, das nur endlich verfügbar ist. Es wird das Ende dessen, was wir - gottseidank - mit einem Fremdwort bezeichnen und daher als Altlast gleich mitentsorgen werden: recycling. Substanziell schwerer wiegt stattdessen Kreislauf 4.0 (unser Begriffsvorschlag, er steht für Recycling mit Intelligenz). Er hat bemerkenswerte Folgen: Gestiegene Lebensqualität mit besseren Produkten; unzählige Arbeitsplätze für Leute, die an diesem neuen Aufbruch teilhaben werden; völlig neue Geschäftsaussichten für vorausschauende Unternehmer. Ideal sind dafür jene europäischen Regionen, die für so eine Revolution alle Voraussetzungen mitbringen: Sie umfassen Mitteleuropa von Norditalien bis Schweden, von den Niederlanden bis Slowenien; da sind Zigtausende von Unternehmen den Herausforderungen des vollständigen Neudesigns gewachsen.

In diesem Zusammenhang möge dann auch die Energiekostenfrage klüger beantwortet werden als mit der Empfehlung, dass wir sämtliche Fassaden der Republik mit Polystyrol bekleben. Wir sind keine Bananenrepublik, sondern die Heimat ungezählter Ingenieurbetriebe, die mehr auf dem Kasten haben als in jede naheliegende Abkürzung zu rasen. Eines wäre schon ganz nützlich: Dass die Antworten nicht auf Kosten dieser kreativen Mittelständler gegeben werden. Wenn schon ganzheitlich, dann bitte ganzheitlich! (ob)

Zum Nachlesen: "Die EEG Umlage ist durch Sonderzahlungen an Großbetriebe und einen die Umlage aufblähenden Vermarktungsmechanismus um etwa 1,5 Cent überhöht. ... Die Bundesregierung hat mit der am 1.1.2012 in Kraft getretenen EEG Novelle wesentlich mehr Betriebe von der Umlagezahlung befreit. Das hat zur Folge, dass künftig alle übrigen Verbraucher umso stärker mit Unterstützungszahlungen für Großbetriebe über die EEG-Umlage belastet werden." (Quelle: Bund der Energieverbraucher).

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