Wie nahe liegt das nächste Atomkraftwerk?

28.01.2010 Die Deutsche Umweltstiftung stellt einen neuen AKW-Gefährdungsatlas vor. Wenig wahrscheinlich ist der größte anzunehmende Unfall (GAU), aber wenn er geschieht, möchte man nicht im Umkreis von 150 Kilometern leben.

„Beklemmend“ nennt Jörg Sommer, Vorstandssprecher der Deutschen Umweltstiftung, das Gefühl, welches sich ihm beim ersten Blick auf den neuen AKW-Gefährdungsatlas aufdrängte. Darüber berichtet die Sonnenseite: Drei von vier Bundesbürgern sind "unmittelbar gefährdet" . Eine Arbeitsgruppe der Umweltstiftung hat in mehrwöchiger Kleinarbeit die Bevölkerungszahlen in den Gefährdungsregionen der aktuell in Betrieb befindlichen deutschen Kernkraftwerke ermittelt. Berücksichtigt wurde dabei die Wohnbevölkerung in einem Umkreis von jeweils 150km.

Ob man sich gefährdet fühlt, ist keine Sache des Glaubens, sondern des Vertrauens in die Betreiber der Kraftwerke. Dabei lassen wir uns weniger durch die wiederholten Störfälle irritieren - sie werden zum Teil ganz geschickt in den Medien hochgespielt. Was uns sorgt, ist etwas anderes, grundlegendes: Sicherheitssysteme sind, ab einer gewissen Stufe, um so gefährlicher, je mehr sie auf Automatik setzen. Wir kennen das aus der Linienfliegerei: Wenn lange nichts geschieht, sind die Piloten unterfordert und nicken ein. Wenn dann doch etwas geschieht, womit sogar der Autopilot nicht fertig wird, werden die Piloten schon mal auf dem falschen Fuß erwischt. Der Rest der Geschichte liegt am Grund des Ozeans.

Wir meinen, mit den Atomkraftwerken begehen wir Menschen den gleichen Fehler: Zwischen Unterforderung und Überforderung befindet sich kein gleitender Übergang, sondern ein schlagartiger Wechsel. Das dürfte bei den meisten Störfällen die eigentliche Ursache ungenügender Sicherungsmaßnahmen gewesen sein. Menschen sind für solche Belastungen nicht immer gerüstet, und Automatik erschwert ihnen die uneingeschränkte Bereitschaft für den Fall der Fälle.

Der erste Potenzialatlas Erneuerbare Energien 2020 ist ein sehr schönes, gut lesbares und vor allem ohne Schaum vor dem Mund hergestelltes Werk, das man vor der weiteren Atomdebatte studiert haben sollte. Kaum heraus, ist er schon vergriffen. Aber mit einem Klick bekommen Sie den Atlas einstweilen als PDF-Datei, die jedoch auf dem Bildschirm mühsam zu lesen ist. Vorbestellungen nimmt der Herausgeber, die Agentur für Erneuerbare Energien in der Reihenfolge des Eingangs entgegen.

Kommentare

Dietrich Papsch
30. Januar 2010

Und bei dem AKW-Gefährdungsatlas darf man nicht den Müll vergessen. Neben dem, den wir jetzt schon haben und nicht wissen, wo er endgelagert werden soll, fällt dieser immer mehr und länger an, wenn die AKW-Laufzeiten verlängert werden. Und für uns Erzgebirgler liegt die Gefahr noch näher. Unsere tschechischen Nachbarn lassen jetzt für ihren Temelin-Strahlemüll ehemalige Militärgebiete als potenzielle Endlagerstätten untersuchen. Danach kommen etwa Cesky Krumlov in Südböhmen oder bei Karlsbad das Duppauer Gebirge (Sperrgebiet Hardliste) in die engere Auswahl. Das wären dann gerade mal 50 km Luftlinie bis zu uns ins Osterzgebirge. Nicht gerade beruhigende Aussichten!

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