26 Mai Die Entlarvung des Staffelgeschosses
Der grüne Bluff: Warum das Staffelgeschoss der Bauschrott von morgen ist
Liebe Leserinnen und Leser,
das neue Lieblingsbild der deutschen Bauwende mutet modern an: Drei oder vier Etagen, oben ein zurückgesetztes Staffelgeschoss mit Flachdach, umlaufende Dachterrassen, etwas Gründach, ein paar Photovoltaikmodule, Wärmepumpe, Fußbodenheizung. Politik, Kommunen, Investoren und viele Architekturbüros erzählen dazu dieselbe Geschichte: Das sei effizient, ökologisch, förderwürdig, zukunftsfähig. Ein Mehrfamilienhaus für die neue Zeit. Nur stimmt diese Geschichte nicht.
Das Staffelgeschoss ist nicht die Krönung nachhaltigen Bauens. Ganz im Gegenteil. Es ist ein ästhetisch gut verpackter Irrtum. Ein Gebäude, das als Entwurf glänzt, in der Realität aber die zentrale Frage kommender Jahrzehnte verfehlt: Wie viel Energie kann ein Haus selbst erzeugen, selbst nutzen und seinen Bewohnern dauerhaft sichern? Genau hier wird es unbequem. Diese Häuser sind gut darin, zwei altbekannte Problemstellungen zu verkleinern: Heizung und Warmwasser. Eine dicke Dämmung, eine Wärmepumpe, vielleicht noch ein Effizienzstandard dazu. Das senkt den Energieverbrauch für Heizung und Warmwasser. Aber Menschen in einem modernen Mehrfamilienhaus haben nicht nur zwei Energieposten. Sie haben vier: Heizung, Warmwasser, Haushaltsstrom und Mobilität. Und auf die letzten beiden hat das gefeierte Staffelgeschoss praktisch keine Antwort.

Abb 1: Das neue Lieblingsbild der deutschen Bauwende mutet modern an: Drei oder vier Etagen, oben ein zurückgesetztes Staffelgeschoss mit Flachdach, umlaufende Dachterrassen, etwas Gründach und ein paar Photovoltaikmodule. Damit kann das Gebäude nur etwa 5 bis 15 Prozent des eigenen Energiebedarfes für Heizung, Warmwasser, Haushaltsstrom und E-Auto laden real abdecken. Es ist ausgeliefert den Großteil des Stromes zuzukaufen, auf Jahrzehnte. Bildquelle: Timo Leukefeld GmbH
Warum das Staffelgeschoss nur grün tut
Die Waschmaschine, der Herd, der Router, das Homeoffice, der Aufzug, die Lüftung, das E-Auto in der Tiefgarage – all das braucht Strom. Viel Strom. In einer elektrifizierten Zukunft wird Mobilität zum größten Energieposten vieler Haushalte. Wer nur Heizung und Warmwasser optimiert, aber Haushaltsstrom und Autostrom ausblendet, baut keine Energiezukunft. Er baut Abhängigkeit. Um es bildlich auszudrücken: Diese Gebäude sind drogenabhängig. Ihre Droge heißt teurer Strom von außen.
Das klingt hart, ich weiß. Aber es trifft den Kern. Wer heute ein Haus plant, das über Jahrzehnte bewohnt werden soll, entscheidet über die künftige Verwundbarkeit seiner Bewohner. Über ihre Stromkosten. Über ihre Abhängigkeit von Netzen, Märkten, politischen Krisen und steigenden Abgaben. Über die Frage, ob ein Gebäude bei Energiepreisschocks stabil bleibt oder ob es seine Mieter jedes Jahr aufs Neue in die Kostenfalle schickt.
Zertifiziert, gedämmt, abhängig
Warum bauen wir trotzdem so?
Weil diese Häuser hervorragend in die Logik unserer Förderwelt passen. Ein Staffelgeschoss mit stark gedämmter Hülle, Wärmepumpe, Gründach und etwas Photovoltaik lässt sich ausgezeichnet zertifizieren. Es sieht in grafischen Simulationen freundlich aus. Es klingt nach Nachhaltigkeit. Es erfüllt Bebauungspläne. Es passt zu Investorenmodellen. Es lässt sich mit Effizienzlabeln, Nachweisen und steuerlichen Argumenten versehen. Mit anderen Worten: Es bedient eine Zertifizierungsindustrie. Es ist das perfekte Produkt einer Bauwelt, die Nachhaltigkeit zunehmend mit Formularen verwechselt. Doch ein Zertifikat ersetzt keine gute Architektur.
Das Kernproblem liegt nicht im einzelnen Bauteil. Nicht jede Wärmepumpe ist falsch. Nicht jedes Gründach ist Unsinn. Nicht jedes Staffelgeschoss ist automatisch eine Katastrophe. Das Problem ist die Summe einer Bauweise, die so tut, als sei ein Gebäude ökologisch, sobald es gut gedämmt ist und ein viele technische Anlagen trägt. Aber ein Haus ist kein Kühlschrank mit Fassade. Es ist ein Energiesystem.
Und als Energiesystem ist das typische Staffelgeschosshaus erschreckend schwach. Das zurückgesetzte oberste Geschoss verkleinert die Dachfläche. Genau dort, wo die Sonne am einfachsten und dauerhaftesten geerntet werden könnte, verschenkt man Fläche. Der Rest wird häufig begrünt, was ökologisch klingt. Nur konkurriert ein Gründach in der Praxis oft mit Photovoltaik. Entweder die Module stehen dicht, dann fehlt dem Grün Licht. Oder das Grün soll wachsen, dann bleibt nur wenig Platz für Module übrig. Am Ende liegt auf dem Dach ein grünes Symbol für nachhaltiges Wohnen, das keine ernstzunehmende Energieernte ermöglicht.
In Zeiten längerer Trockenperioden durch den Klimawandel wird das Gründach zudem selbst zum Pflegefall. Was als Biodiversität verkauft wird, endet allzu oft als vertrocknete Fläche, die bewässert werden müsste, während Wasser zur nächsten knappen Ressource wird. Die grüne Krone des Hauses kann dann schnell zur teuren Illusion werden.
Noch gravierender ist der architektonische Fehler: Ein Gebäude, das heute ohne große, gut ausgerichtete Solarflächen geplant wird, lässt sich später kaum retten. Man kann Technik tauschen, Leitungen erneuern, Speicher nachrüsten. Aber die Sonnengeometrie eines Hauses ist gebaut. Wenn kein großes Pultdach nach Süden vorhanden ist, wenn Fassaden nicht für Photovoltaik mitgedacht wurden, wenn Dachterrassen, Staffelungen und kleinteilige Aufbauten die Flächen zerstückeln, bleibt das Haus dauerhaft begrenzt.
Das ist der eigentliche Skandal: Wir fördern Häuser, die wir später mühsam verbessern wollen, obwohl wir sie heute richtig planen könnten!
Bauen für die Zukunft statt Baukulisse
Die Alternative ist keine Phantasie. Sie heißt Solararchitektur. Solararchitektur beginnt nicht bei der Technik, sondern beim Entwurf. Sie fragt zuerst: Wo steht die Sonne? Welche Dachfläche kann über Jahrzehnte Strom liefern? Welche Fassaden können zugleich Fenster, Gestaltung und Energiefläche sein? Wie kann ein Mehrfamilienhaus so gebaut werden, dass es nicht nur wenig verbraucht, sondern viel selbst erzeugt?
Das führt zu anderen Gebäudeformen. Zu flachen, nach Süden orientierten Pultdächern, die ohne Staffelgeschoss auskommen, dafür aber die Grundfläche des Gebäudes wie ein riesiges Sonnensegel überspannen. Zu Fassaden, in denen Photovoltaik nicht peinlich nachträglich angeklebt wird, sondern Teil der Architektur ist. Zu Gebäuden, die Energie für Heizung, Warmwasser, Haushaltsstrom und Elektromobilität gemeinsam denken. Nicht als vier getrennte Rechnungen, sondern als ein hochgradig energieautarkes System.

Abb 2: Eine echte Solararchitektur für ein hochgradig energieautarkes Mehrfamilienhaus mit viel Photovoltaik auf einem Pultdach und an der Fassade. Damit kann das Gebäude auf Jahrzehnte zwischen 50 und 70 Prozent des eigenen Energiebedarfes für Heizung, Warmwasser, Haushaltsstrom und E-Auto laden real abdecken. Und das nicht in einer Jahresbilanz, sondern in Echtzeit. Bildquelle: Timo Leukefeld GmbH
Dann wird Autarkie realistisch. Nicht vollständig, und nicht als Inseltraum. Aber hochgradig genug, um Bewohner massiv zu entlasten und die Abhängigkeit vom Energiemarkt deutlich zu senken. Ein Haus, das über Jahrzehnte einen großen Teil seiner Energie selbst erzeugt, ist ökologischer als ein Haus, das nur seinen Heiz- und Warmwasserbedarf kleinrechnet. Darüber hinaus ist es auch sozialer. Denn die Wohnungsfrage wird nicht allein über Kaltmieten entschieden. Entscheidend ist, was Menschen jeden Monat insgesamt zahlen. Wenn der Strompreis steigt, und damit das Laden des Autos und Haushaltsstrom teuer werden, wenn Nebenkosten unkalkulierbar sind, hilft die schönste Effizienzklasse wenig. Zukunftsfähiger Wohnungsbau muss Warmmiete, Strom und Mobilität zusammendenken. Er muss Kostensicherheit schaffen, nicht nur gute Werte im Energieausweis.
Komplex gebaut, schlecht gedacht
Hinzu kommt ein zweiter Punkt, über den in der Bauwende zu wenig gesprochen wird: Low Tech. Wir bauen immer komplexer, obwohl Handwerker fehlen, Wartung teurer wird und technische Systeme schneller altern als Gebäude. Ein Haus, das 80 oder 100 Jahre stehen soll, wird mit teuren komplexen wassergeführten Wärmepumpenheizungsanlagen bestückt, die nach zehn bis fünfzehn Jahren ersetzt werden müssen. Nachhaltig ist das nur auf dem Papier.
Genau daran scheitert der Staffelgeschoss-Trend. Er verkauft Oberfläche als Ökologie. Er verwechselt Dachbegrünung mit Zukunftsfähigkeit. Er reduziert Energie auf Heizung, Warmwasser und Wärmepumpen. Er blockiert große Solarflächen und nennt sich trotzdem nachhaltig. Er schafft teure Wohnungen und liefert den Bewohnern keine echte Energiesouveränität. Um es deutlich zu sagen: Viele dieser Häuser sind der Schrott von morgen. Nicht, weil sie morgen einstürzen. Sondern weil sie in einer Energiezukunft stehen werden, für die sie falsch entworfen sind. Weil sie teuer, zertifiziert und technisch aufwendig sind, aber architektonisch zu wenig leisten. Weil sie genau dann abhängig bleiben, wenn Unabhängigkeit zum entscheidenden Wert wird.
Die Bauwirtschaft hat jetzt die Wahl. Sie kann weiter Staffelgeschosse stapeln, Gründächer verordnen, ein paar Module dekorativ verteilen und sich an Zertifikaten wärmen. Oder sie kann anfangen, Gebäude wieder vom Leben her zu denken: bezahlbar im Betrieb, robust in der Technik, stark in der Eigenversorgung, ehrlich in der Ökologie. Die Zukunft des Bauens liegt nicht in grünen Symbolen. Sie liegt in Häusern, die sich größtenteils selbst versorgen können. Alles andere ist nur eine schöne Visualisierung für ein falsches Gebäude. „Die Form folgt der Funktion“, eines der zentralen Gestaltungsprinzipien des Bauhauses, lässt sich nun abwandeln in: Die Form folgt der Energie. Und das bedeutet nichts anderes, als dass die Form eines Gebäudes allein aus seinem energetischen Nutzen abgeleitet werden sollte. Goodbye, Staffelgeschoss!
Sie haben ein Objekt im Bestand oder planen eine Investition? Lassen Sie uns prüfen, ob es sich zur Renditeperle transformieren lässt. Der Plattenbau ist nicht das Ende – er ist der Anfang. Für ein neues Denken.
Herzlichst,
Ihr Timo Leukefeld
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